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  • Wo Wilhelm Busch zuhause war: Mechtshausen

    Wo Wilhelm Busch zuhause war: Mechtshausen

    Wilhelm Busch hatte viele Talente und ist eine Art Markenzeichen von Niedersachsen. Seine tragisch-komischen Bildgeschichten wie die von »Max und Moritz«, der »Witwe Bolte« und der »Frommen Helene« machten ihn zu einem der Väter des modernen Comics. In dem kleinen Dorf Mechtshausen, das zur Stadt Seesen am Harz gehört, lebte der weltberühmte Zeichner, Maler und Dichter von 1898 bis zu seinem Tod 1908.

    Der sparsame Zeichenstil und sein Talent, die Bilder ebenso sparsam in Versform zu kommentieren, brachten ihm so viel Ruhm ein, das Kaiser Wilhelm II. zum 70. Geburtstag gratulierte. Die Kehrseite seiner satirischen Bildgeschichten, die den Zeitgeist entlarvten: Sie kosteten ihn so viel Zeit, dass andere Arbeiten, die er für wichtiger hielt, zu kurz kamen, zum Beispiel die Malerei von Motiven aus seiner niedersächsischen Heimat. In diesem Bereich seiner künstlerischen Schaffenskraft war er im Gegensatz zu seinen humorvoll-ironischen Bildgeschichten ganz der romantische Künstler.

    Wilhelm Busch Haus Mechtshausen
    Wilhelm Busch bei einem Glas Rotwein in der Garten-Grotte, die es nach wie vor gibt und die einer seiner Lieblingsplätze war. Von ihm stammt auch das Bon Mots „Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben“. Das Wilhelm Busch Haus in Mechtshausen liegt heute wie damals in einem verwunschenen Waldgarten.

    »Kein Spaßmacher, eher ein Pessimist«

    Wilhelm Busch galt als ernster und verschlossener Mensch, der gern zurückgezogen in der Provinz lebte. Häufig wurde er als Spaßmacher missverstanden. Wie das böse Ende von »Max und Moritz« zeigt, war er aber alles andere als das, sondern wohl eher ein Pessimist mit schwarzem Humor, bei dem der Einfluss des Philosophen Arthur Schopenhauer spürbar war.

    Mechtshausen: Ein Dorf mit Herz zwischen Harz und Heber
    Zu Zeiten von Wilhelm Busch war Mechtshausen noch eine 500-Einwohner-Gemeinde. Heute sind es zwar nur noch 350, die aber sehr aktiv und füreinander da sind. Der Ort schmiegt sich im Westen an den Höhenzug Heber. Von einer Bank am Waldrand hat Wilhelm Busch gern hinüber zum Harz geschaut. Der 2 Kilometer lange Wilhelm Busch Wanderweg führt hier vorbei. Durch die Nähe zur Autobahn A7 ist ein Abstecher nach Mechtshausen von der Abfahrt aus in wenigen Minuten möglich.

    Mit scharfer Beobachtungsgabe griff er in seinen Bildergeschichten die Eigenarten bestimmter Menschen oder Gesellschaftsgruppen auf wie die Selbstzufriedenheit und Doppelmoral des Spießbürgers. Dabei erzielte er die Hauptwirkung durch eine Mischung von Bekanntem mit Unerwartetem sowie Überspitzungen. Wilhelm Busch, so heißt es, soll auch andere humoristische Dichter inspiriert haben, etwa Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz, Christian Morgenstern, Eugen Roth und Heinz Ehrhardt.

    Geflügelte Worte von Wilhelm Busch

    »Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr«

    »Eins, zwei, drei. Im Sauseschritt Läuft die Zeit; wir laufen mit«

    »Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben«

    »Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung«

    »Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt«

    »Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich«

    »Es ist ein Brauch von alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör«

    »Stets findet Überraschung statt, Da wo man´s nicht erwartet hat«

    »Das Ewige ist stille, laut die Vergänglichkeit; schweigend geht Gottes Wille über den Erdenstreit«

    »Wenn andre klüger sind als wir, das macht uns selten nur Pläsier,
    doch die Gewissheit, dass sie dümmer, erfreut fast immer«

    »Bist Du wütend, zähl bis vier, hilft das nicht, dann explodier!«

    Ein weiteres Museum gibt es in seinem Geburtshaus in Wiedensahl, zwischen Hannover und Minden, wo Wilhelm Busch 1832 als ältestes von sieben Kindern auf die Welt gekommen ist. Die meisten Exponate des Künstlers befinden sich in Hannover in einem Museum mit dem langen Namen »Wilhelm Busch Deutsches Museum für Karikatur & Zeichenkunst«.

    Hat Wilhelm Busch die Kirschbäume noch selbst gepflanzt?

    So geht jedenfalls das Gerücht in dem kleinen Dorf Mechtshausen. Hier hat Wilhelm Busch in dem damaligen Pfarrhaus die letzten zehn Jahre seines Lebens von 1898 bis 1908 gewohnt. Das Grundstück: Ein damals wie heute verwunschener Waldgarten. Der Blick, den Wilhelm Busch so genossen hat, geht im Osten hinüber zum Harz und im Westen zum Höhenzug Heber. Wie viele Besucher kommen heute in das Wilhelm Busch Haus? Gibt es Anekdoten aus dem damaligen Dorfleben? Welche Pläne gibt es, um das Museum noch attraktiver zu machen?  Wir sprachen mit Reinhard Skott, Mitglied des Fördervereins des Wilhelm Busch Hauses.

    Harz-Beat: Herr Skott, schon bei der Anreise nach Mechtshausen fühlt man sich in die damalige Zeit versetzt. Die Straße führt durch Lindenalleen an dem Flüsschen Nette entlang und der Ort selbst strahlt durch die üppige Natur Ruhe und Gelassenheit aus.

    Dieser Eindruck ist auch deshalb richtig, weil wir keinen Durchgangsverkehr haben. Die Straße endet hier bei uns. Und noch etwas ist besonders: Unter den heute 350 Einwohnern gibt es ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl.

    Reinhard Skott’s Lieblingsgeschichte von Wilhelm Busch und sein Lieblingsplatz im Harz. Er ist Mitglied des Fördervereins des Wilhelm Busch Hauses.

    Harz-Beat: Hat Wilhelm Busch noch Fans, die regelmäßig nach Mechtshausen kommen?

    Vor Corona hatten wir vier Jahre nacheinander im Garten eine Open-Air-Ausstellung der namhaftesten deutschsprachigen Karikaturisten. Die Veranstaltung haben wir gemeinsam mit der Berliner Cartoon Fabrik organisiert. Bei der abendlichen Eröffnung war jeder mit einer Taschenlampe bewaffnet und es war schon ungewöhnlich von den verschiedensten Stellen des Waldgartens vielfältiges Gelächter zu hören. Es kann sein, dass wir diese Veranstaltungsreihe wieder aufleben lassen.

    »Schlaraffen sorgen für einen Hauch Karneval«

    Und einmal im Jahr kommen die sogenannten »Schlaraffen« zu uns. Eine kunterbunte Truppe, die einen besonderen Humor pflegt und in Mechtshausen für einen Hauch von Karneval sorgt. Es sind überwiegend hoch-honorierte Leute, darunter Abgesandte von Universitäten. Sie machen hier bei uns einen Wilhelm-Busch-Trail, gehen ins Haus, wandern auf dem zwei Kilometer langen Wilhelm-Busch-Pfad, besuchen die Grabstätte auf unserem Friedhof und treffen sich zum Abschluss in unserer Dorfkneipe.

    Harz-Beat: Wie viele Besucher kommen durchschnittlich im Jahr und wie stark ist das Medieninteresse?

    Vor der Corona-Zeit waren es 1300 bis 1800 Besucher. Viele erreichen uns über die nahe Autobahn, weil sie zufällig ein Hinweisschild gesehen haben. Auch zu bestimmten Feierlichkeiten kommen viele. Zu »150 Jahre Hans Huckebein«, dem Unglücksraben, gab es sogar einen internationalen Zuspruch. Es kamen Gäste aus Japan und ein Fernsehteam aus Tschechien. Max und Moritz gibt es ja in 200 Übersetzungen.

    »Wie bescheiden er lebte, beeindruckt viele«

    Im Übrigen ist das Interesse aus den ostdeutschen Bundesländern besonders stark. Viele verfügen über ein recht umfangreiches Wissen, da in den Haushalten das »dicke Wilhelm Busch Buch« zur Ausstattung gehörte. Darüber hinaus kennen die ostdeutschen Besucher Wilhelm Busch aus ihrer Schulzeit. Teilweise hat man ihn zu DDR-Zeiten ja auch als Revolutionär mit vereinnahmt. Viele fühlen sich von der Art und Weise unseres kleinen Museums angesprochen und sie sind beeindruckt, dass dieser bekannte Mann in so bescheidenen Verhältnissen gelebt hat.

    Lieblingsgeschichte von Wilhelm Busch und Lieblingsplatz im Harz

    Sidney Grownica
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    Heide Lühr-Hassels
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    Ulrich Hassels
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    Harz-Beat: Womit befasste sich Wilhelm Busch als er 1898 ins Mechtshausener Pfarrhaus einzog?

    Zwar malte und zeichnete er nicht mehr, aber er schrieb rund 100 Gedichte. Darüber hinaus ist in über 400 Briefen dokumentiert, was ihn auf seiner letzten Lebensstation bewegte. So setzte er sich viel mit philosophischen Fragen auseinander, vor allem mit der Philosophie Schopenhauers. Sein reger Briefwechsel und seine Gedichte spiegeln diese philosophischen Gedankengänge wider. In Mechtshausen vollendete er auch sein lyrisches Werk »Schein und Sein«.

    Harz-Beat: Sie sind selbst auch künstlerisch tätig, Herr Skott. Hat Wilhelm Busch Sie in irgendeiner Weise inspiriert?

    Ich habe einmal versucht, seine Figuren in einem Bild zu erfassen, aber schnell gemerkt, dass man unwahrscheinlich lange daran arbeiten muss, um den Charakter der Figuren überhaupt nur annähernd wiederzugeben. Die Art und Weise der Technik seiner Zeichnungen ist für mich ein Phänomen.

    »Drei herausragende Begabungen: Scharfe Beobachtungsgabe sowie Zeichen- und Dichtkunst«

    Und seine scharfe Beobachtung aller unserer menschlichen Schwächen, ist natürlich eine ganz besondere Begabung, die wir heute nur bei unseren besten Karikaturisten und Komödianten wiederfinden. Das begeistert mich total. Ist es nicht wunderbar wie er den Alkoholmissbrauch in der »Frommen Helene« aufspießte: »Es ist ein Brauch von alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör.« Wilhelm Busch war aus meiner Sicht mit gleich drei herausragenden Begabungen gesegnet, seiner scharfen Beobachtungsgabe sowie seiner Zeichen- und Dichtkunst.

    Dorfbewohner auf falscher Fährte

    Wilhelm Busch galt als Einzelgänger. Dazu erzählt Reinhard Skott folgende Geschichte:

    Die Leute im Dorf haben lange nicht gewusst, wer hier eigentlich lebt. Irgendwann ist ihnen dann über den damaligen Lehrer »Max und Moritz« zu-gespielt worden. In ihrem ersten Eindruck haben die Dorfbewohner angenommen, dass es wohl Personen aus dem Dorf sein müssten, die hier karikiert worden sind. Und dann haben sie den Schmid von Mechtshausen, der gleichzeitig auch der Friseur des Ortes war, animiert, »wenn er zu dir kommt, frag ihn, wen er damit im Einzelnen gemeint hat«. Das hat er dann wohl auch versucht, musste aber feststellen, je mehr er Wilhelm Busch bedrängte, Auskunft zu geben, desto schweigsamer wurde dieser und desto geringer fiel das Trinkgeld aus. Fragte er dagegen nicht, gab es ein höheres Trinkgeld. Darauf hin hat er die ihm übertragene Aufgabe anders geregelt.

    Harz-Beat: Wer das alte Pfarrhaus erlebt, stellt fest, dass die Räume großzügig konzipiert worden sind.

    Man wusste eben 1880, als das Haus etwa erbaut wurde, dass die Pfarrer viele Kinder haben. Die Räume von Wilhelm Busch mit Blick auf den Heber sind zum größten Teil original-getreu erhalten geblieben. Sie bestehen aus einem Wohnzimmer und einem Schlafzimmer, wo er auch gestorben ist.

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    Im Originalzustand: Das Wohn- und das Schlafzimmer von Wilhelm Busch.

    Wenn Schülergruppen zu uns kommen, werden wir meistens gefragt, wo er denn sein Badezimmer hatte, und wir zeigen dann auf einen Wasserkrug und eine größere Schüssel in der Ecke.

    Harz-Beat: Wie war es in dieser Zeit finanziell um Wilhelm Busch bestellt?

    Als er hier einzog und hier lebte war er bereits ein vermögender Mann, davor hat er allerdings lange Durststrecken erleben müssen. Aber er war mit Max und Moritz und allem was danach kam sehr erfolgreich. Er hat nicht nur die Pfarrerskinder bildungsmäßig gefördert, sondern auch in Hannover viel Geld spendiert für die Betheler Anstalten und ein weiteres Krankenhaus.

    Harz-Beat: Wilhelm Busch ist in Wiedensahl geboren und hat dort lange gelebt. Wodurch ist er nach Mechtshausen gekommen?

    Ja, er hat in Wiedensahl die längste Zeit seines Lebens verbracht. Nach Studienaufenthalten in Antwerpen und Düsseldorf kam er immer wieder in das dortige Haus der Familie, in dem er auch geboren ist, zurück. 1872 zog er dann zu seiner Schwester nach Wiedensahl. Sie war mit einem Pastor verheiratet. Als dieser starb, wechselte Wilhelm Busch mit seiner Schwester und ihren drei Jungen ins Pfarrwitwenhaus und kümmerte sich auch um die Ausbildung der Kinder: einer wurde Lehrer, zwei studierten Theologie. Sein Neffe Otto Nöldeke bekam dann 1898 die Pfarrstelle in Mechtshausen und nahm seine Familie samt Mutter und Onkel Wilhelm mit.

    Die meisten Exponate seiner Schaffenszeit befinden sich aber in Hannover im »Wilhelm Busch Deutsches Museum für Karikatur & Zeichenkunst«. Wir haben sogar einen Teil unserer Exponate von dort zur Verfügung gestellt bekommen.

    Harz-Beat: Er soll Zeit seines Lebens bedauert haben, viel zu wenig die von ihm so geliebte niedersächsische Landschaft gemalt zu haben, weil er Geld verdienen musste.

    Das ist die eine Sache. Eine andere: Er meinte, wie so viele Künstler vor und nach ihm, nicht genügend Talent zu besitzen. Er war ja durch seinen Aufenthalt in Antwerpen stark an den holländischen alten Meistern orientiert. Das sieht man auch an einigen seiner Werke. Im Grunde hat er sich aber deren hohe Malkunst nicht zugetraut.

    Harz-Beat: Wie sehen die Zukunftspläne für das Wilhelm Busch Haus aus?

    Die Außenfassade und das Dach sind im Einvernehmen mit dem Denkmalschutz gerade restauriert worden. Der nächste Schritt ist der Ausbau und die Restaurierung von bisher als Abstellflächen genutzter Räume. Hier sollen schon in Kürze Workshops mit Kindern stattfinden. Und wir können uns auch vorstellen, dass Kunst-Stipendiaten hier leben und arbeiten.

    »Ausstellung der Künstlergilde Harz«

    Die ehemaligen Wohnräume der Pastorenfamilie Nöldeke werden schon lange für Ausstellungen genutzt. So findet hier noch bis zum 15. August 2022 eine Gemeinschaftsausstellung der Künstlergilde Harz statt. Ob im Haus oder im Garten, zu unserem Programm gehören viele unterschiedliche Veranstaltungen.

    Text, Fotos, Videos, Interviews und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop

    Öffnungszeiten

    Do., Fr., Sa., So. 15 -17 Uhr

    Pastor-Nöldeke-Weg 7
    38723 Seesen-Mechtshausen

    Tel. 05384-90886 und 05384-612
    Email: post@wilhelm-busch-haus.de

    Nicht für Touristen (im Gespräch unter Besuchern aufgeschnappt)

    • Es ist so typisch für den Harz, dass Vieles gar nicht publik gemacht wird. Immer gibt man sich bescheiden und möchte eigentlich gar nicht entdeckt werden, während man in Bayern jeden Stein blau-kariert anstreicht und als 8. Weltwunder hinstellt.
    • Wilhelm Busch würde sich als Lehrstoff an der Schule eignen. Aber selbst in der Grundschule des Nachbarortes Rhüden taucht er nicht auf, trotz des Identifikationspotentials für die Jugend.
    Wilhelm Busch mit Else und Otto Nöldeke sowie deren Kindern
    Wilhelm Busch mit Else und Otto Nöldeke sowie deren Kindern Ruth, Martin und Anneliese.
    Foto: Rudolf Dührkoop, Hamburg
    Wilhelm Busch im Kreise der Familie Nöldeke
    Wilhelm Busch (2. v.r.) 1899 in der Efeugrotte in Mechtshausen im Kreise der Familie Nöldeke.
    Blick in die Medien

    Katharina Thalbach ist Wilhelm Busch Fan

    Für die Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach ist Wilhelm
    Busch der Erfinder des deutschen Comics. »Ich mag seine Helden: ungezogene Kinder, streitende Paare, versoffene Kleriker, Männer auf Brautschau oder ein Rabe, der nur Zerstörung hinterlässt«, sagte sie in der Ausgabe vom 4. Januar 2026 der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

    Thalbach verweist auf ein musikalisches Wilhelm-Busch-Programm, an der
    auch ihr Bruder Pierre Besson und der Komponist Torsten Rasch mitwirken.
    Das Stück heißt »Sauerkohl und Missetaten« und hat am 20. Januar 2026 an der Komödie am Kurfürstendamm in Berlin Premiere.

    Es handelt sich, so Katharina Thalbach, um neue Lieder, die aus Buschs
    Gedichten entstanden sind. Seine makabre Komik erinnere sie oft an
    britischen Humor. »Es ist mir immer noch sehr präsent, wie mir meine Mutter
    und meine Oma als Max und Moritz in schlabbrigen Männerunterhosen aus
    dem riesigen Buch, das wir zu Hause hatten, Geschichten vorgetragen
    haben«, macht Thalbach deutlich, wie eng Wilhelm Busch in ihrer Familie
    verwurzelt war.

  • Die schönsten Harzer Hütten (1): Die Baude Großer Knollen

    Die schönsten Harzer Hütten (1): Die Baude Großer Knollen

    Unsere Serie über die schönsten Harzer Hütten beginnen wir nicht ohne Grund mit der Baude Großer Knollen (687 m) zwischen Herzberg und St. Andreasberg im Südwest-Harz. Urig, gemütlich, mit einem sympathischen Wirt und über eine Vielzahl Wanderwege aus allen Richtungen erreichbar. Das Schönste aber ist die Rundumsicht vom Baudenturm (Video): Der Blick schweift vom Wurmberg über den Brocken bis zur Hanskühnenburg und weit ins südliche Harzvorland. Bei guter Sicht kann man am Horizont den Inselsberg im Thüringer Wald und manche sagen, sogar den Kyffhäuser sehen.

    Der Baudenwirt Sven Wode (47) ist selbst ein begeisterter Wanderer. Was könnte das eindrucksvoller unterstreichen als eine Urkunde über den Besuch aller 222 Stempelstellen des Harzes, die er 2017 bekam. So hat der geborene Bad Lauterberger den Harz intensiv kennengelernt und ist dabei auf den Geschmack gekommen. 2019 als die Baude neu verpachtet wurde, griff er zu.

    »Champagnerluft«

    Als wir am 10. November an einem Wochentag die Baude bei fantastischem Wetter besuchen – Wanderer sprechen an solchen Tagen von einer »Luft wie Champagner« – treffen wir vor allem Stammgäste der Baude aus Herzberg und Bad Lauterberg an. An Wochenenden und in Ferienzeiten gibt es aber nicht selten Tage, an denen der Baudenwirt Mühe hat, den Ansturm zu bewältigen. »Finanziell komme ich gut klar«, sagt Wode, der auf der Suche nach Aushilfskräften für das Wochenende ist.

    »Unendliche Auswahl an Wanderwegen«

    Um den Großen Knollen herum gibt es eine unerschöpfliche Auswahl an Wanderwegen. Ob aus Sieber, Herzberg, Bad Lauterberg oder St. Andreasberg, aus jeder Himmelsrichtung ist der Große Knollen über unterschiedlich anspruchsvolle und verschieden lange Pfade zu erreichen. Die Knollenbaude hat dadurch sozusagen eine hohe Zentralität.

    In Sachen Fitness und Liebe zum Harz steht Sven Wode seinen Gästen in nichts nach. Er hat alle 222 Stempelstellen erwandert.

    Beispiel Sieber: Wer hier startet hat mehrere Möglichkeiten. Der kürzeste Weg zum Knollen ist gut vier Kilometer lang mit teilweise serpentinenartigen, beachtlichen Steigungen. Sven Wode empfiehlt darüber hinaus den Weg durchs Gatzmanntal, der auch nicht viel länger ist. Freunde gleichbleibender, angenehmer Steigung, seien dagegen mit der sechs Kilometer langen Forststraße durchs Tiefenbeek besser bedient.

    Morsezeichen nach Hannover

    Michael Moll berichtet in seinem Buch »Panoramawege Harz« über den Besuch des ersten Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Hinrich Wilhelm Kopf, Ende der 1950er Jahre. Nachdem der SPD-Politiker eine Erbsensuppe mit Bockwurst bestellt hatte, bat er den Wirt um eine telefonische Verbindung nach Hannover. Knollerich, so wurde der damalige Wirt genannt, ging daraufhin in seine Küche und kam, weil es noch kein Telefon gab, mit einer Taschenlampe zurück. Diese reichte er dem Ministerpräsidenten und schlug ihm vor, auf den Turm zu steigen und Morsezeichen in Richtung Hannover zu senden.

    »Geheimtipp für Winterwanderer und (E-)Biker«

    Der Lebensweg des Hüttenwirts überrascht. Er war zuvor bei Continental in Northeim im Schichtbetrieb tätig. Die Knollenbaude will er nach Möglichkeit das ganze Jahr von 9.00 bis 17.00 öffnen. Auch immer mehr (E-)Biker nutzen die Forststraßen und Wanderwege. Sven Wode schätzt ihren Anteil auf inzwischen 15 bis 20 Prozent. Viele nehmen den Forstweg durchs Tiefenbeek, der übrigens auch ein Geheimtipp für Winterwanderer ist.

    Mountainbiker sollten den großen Rundweg probieren, der von Sieber über den Großen Knollen auf dem Gebirgskamm nach St. Andreasberg führt. Von dort geht es dann »Auf dem Acker« zur Hanskühnenburg und wieder zurück nach Sieber oder Lonau.

    »Der schönste Frühstücksplatz von Herzberg und Lauterberg«

    Schon 9.30 treffen in der Knollenbaude die ersten Stammgäste ein, um sich den schönsten Frühstücksplatz von Herzberg und Bad Lauterberg zu sichern und den fantastischen Blick mit leichtem Nebel in den Tälern zu genießen. Diese Begeisterung der Gäste hat der Baude im letzten Jahr auch den Besuch des NDR für die Sendung »Mein Lieblingsplatz« eingebracht.

    Das eher deftige Speisenangebot scheint sich im Laufe der Jahrzehnte kaum geändert zu haben. Es reicht von der nach wie vor beliebten Erbsensuppe über Mettwurst- und Schinkenbrot bis zum Harzer Roller. Viele Stammgäste melden bereits am Vortag ihre Wünsche telefonisch an.

    »Der Berg ruft: 180.000 Wanderpässe in zwei Jahren«

    Sven Wode freut sich über die zunehmende Wanderleidenschaft und zeigt auf die Stempelstelle vor seiner Baude. »Nimmt man die Entwicklung bei den Wanderpässen, hat der Harz massiv an Attraktivität gewonnen«, sagt er, »sowohl 2020 als auch in diesem Jahr wurden 90.000 Pässe verkauft. Eine Zahl, die natürlich auch durch Corona nach oben geschnellt ist.« Noch erfreulicher sei es, dass immer mehr Jugendliche unter den Stempeljägern sind. 2014 habe die Zahl der ausgegebenen Wanderpässe noch bei 25.000 gelegen.

    Die Gäste der Knollenbaude, so Wode weiter, kommen nicht nur aus dem näheren Umfeld, sondern auch aus Berlin, Bremen und Hamburg. Nach wie vor habe der Harz auch bei Niederländern und Dänen einen guten Klang.

    Für Eberhard Bröder und Burkhard Lätsch, die in der Baude Stammgäste sind, ist der Große Knollen eindeutig der Geheimtipp. Sie kommen aus Herzberg, gehen aber im gesamten Harz auf Wanderschaft. Die Nachbarbauden Hanskühnenburg »Auf dem Acker« und der Bismarckturm oberhalb von Bad Lauterberg seien ebenfalls zu empfehlen.

    Marion und Werner Brille aus Bad Lauterberg sind zweimal in der Woche in der Knollenbaude und treffen sich dabei auch mit anderen Wanderkameraden, um über »Gott und die Welt« zu philosophieren. »Wir nehmen meistens den steilsten Weg, damit wir ein bißchen in Schwung kommen«, erzählen sie. Vor allem in der Urlaubs- und Ferienzeit treffe man auch Gäste aus Berlin und Hamburg. Seit 20 Jahren ist Manfred Solle ein Fan der Knollenbaude, aber auch in den Nachbarbauden ist er gern zu Gast.

    Das Knollen-Ensemble

    Die heutige Knollenbaude auf dem 687 Meter hohen Gipfel wurde 1961 in Betrieb genommen und ist danach renoviert und weiter ausgebaut worden. Während der steinerne, 20 Meter hohe Turm sehr viel älter ist. Er wurde bereits 1904 eingeweiht. Eigentümerin von Baude und Turm ist die Stadt Herzberg.

    »Ein Vulkan im Harz«

    Man nannte den Großen Knollen früher manchmal auch den kleinen Brocken, weil er einer der interessantesten Berge des Harzes ist. Bei der Auffaltung des Gebirges drang in den dabei entstehenden Spalten lila-farbiger Porphyr in Form vulkanischer Lava an die Oberfläche. Wie ein Dach bedeckt der Porphyr heute den Knollengipfel. Das Vulkangestein ist am Rande der Forstwege zum Teil noch deutlich zu erkennen.

    »Die Fahrt ins Siebertal«

    Bei der Anfahrt zum Siebertal vom Torfhaus über den Sonnenberg verschlägt es einem die Sprache: Der Blick ins Tal hinüber zu Wurmberg und Brocken, wohin das Auge reicht, tote Fichten und die bange Frage, wird genug für die Aufforstung getan und wie lange wird die Wiederergrünung des Harzes dauern, 10, 20 oder gar 30 Jahre?

    Auch die Stammgäste der Knollenbaude empfinden das Waldsterben als dramatisch. Ob der Borkenkäfer durch die Nationalparkverwaltung und die Revierförstereien hätte aufgehalten werden können, etwa durch Borkenkäferfallen oder andere Maßnahmen, darüber wird leidenschaftlich diskutiert.

    Dabei gibt es durchaus auch einzelne Stimmen, die sich über den an vielen Stellen nun möglichen weiten Blick auf die Berge freuen. Andere weisen auf die Wiederaufforstung hin. Um den Wald widerstandsfähiger zu machen, fahre man statt des monotonen Fichtenwaldes nun eine Mehrpflanzenstrategie. In manchen Regionen des Harzes würden fünf, in anderen sogar acht verschiedene Baumarten angepflanzt. Im übrigen sei die Wiederbegrünung auch auf natürlichem Wege im vollen Gange. Wer genau hinschaue, sehe bereits zahlreiche Birken und kleine Fichten.

    Texte, Fotos, Videos und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop

    Gespräche von weiteren Stammgästen …

    … über das Siebertal

    Das sehr enge Tal mit seinen steilen Hängen war vor einigen Jahrzehnten im Gespräch für den Bau einer Talsperre direkt hinter dem Ort Sieber. Diese Diskussion sei in den letzten Monaten kurzzeitig wieder aufgeflammt.

    Der langgezogene Urlaubsort Sieber hat sich positiv entwickelt. Es gibt keine Immobilien-Leerstände mehr, der neue Wohnmobilstellplatz wird gut angenommen und das sanierte Waldschwimmbad kommt ebenfalls gut an.

    … über Herzberg

    Die  Entwicklung des Einzelhandels und das Jobangebot für junge Leute sind an einem kritischen Punkt angekommen, sowohl in Herzberg als auch in Osterode. Im Vergleich dazu sei die positive Entwicklung in Bad Lauterberg »ein krasser Unterschied«.

    … über den Harz

    Der Borkenkäfer wird die Touristen nicht vom Harz fernhalten.

    Für die Generation, die ein bißchen Nervenkitzel braucht, ist nun einiges getan worden. Zum Beispiel die Hängebrücke an der Rappbodetalsperre oder die Bobbahn am Bocksberg in Hahnenklee.

    … über den Unterschied zum Schwarzwald

    Der Schwarzwald ist lieblicher, während der Harz durch seine teilweise gewaltigen Höhenunterschiede ganz schön »brutal« sein kann.

    Der Schwarzwald ist gesegnet mit namhaften Städten wie Freiburg und Baden-Baden. Eine Stadt mit der Geschichte Goslars, Quedlinburgs oder Wernigerodes findet man im Schwarzwald aber nicht.

  • Hat der Harz eine Zukunft? Wir fragen Hotelier Thomas Rust aus Hohegeiß

    Hat der Harz eine Zukunft? Wir fragen Hotelier Thomas Rust aus Hohegeiß

    Er ist Hotelier in Hohegeiß im Südharz und Betreiber von drei Liftanlagen sowie verschiedenen Loipen für den Wintersport. Sein Blick richtet sich nicht nur auf seine eigenen Betriebe, sondern auch auf die Weiterentwicklung von Hohegeiß und den Harz insgesamt. Was er anfasst, kennt er aus dem Eff-Eff. Er hat in 30 Jahren immer schwarze Zahlen geschrieben und sprüht vor Ideen. Wir sprachen mit ihm über die Folgen von Corona, die Anziehungskraft des Harzes, die Macht der Hotelportale und das Baumsterben.

    Thomas Rust

    Betreibt das Viersterne-Hotel Rust in Hohegeiß im Südharz seit über 30 Jahren. Er hat Ausbildungen in allen Bereichen des Hotelbetriebs gemacht, als Kellner (heute Restaurant-Fachmann), in der Küche und im Kaufmännischen. Um einen Geschäftsführer einzustellen sei ein Hotel mit 58 Betten zu klein, sagt er und fügt gleich hinzu: »Vielleicht ist es gerade das, was so einen Betrieb auszeichnet, was ihn stark macht, wirtschaftlich, personell und persönlich.«

    Herr Rust, der Harz ist in den letzten Monaten bei vielen wieder stärker ins Bewußtsein geraten und die düsteren Wolken aufgrund von Corona scheinen sich langsam aufzulösen. Nur ein Drittel der Deutschen plant normalerweise den Haupturlaub im eigenen Land. Viele Veranstalter rechnen damit, dass es dieses Jahr doppelt so viele werden könnten. Ist der Harz dem Ansturm gewachsen?

    Das Comeback des Harzes wird es auf jeden Fall geben. Ich denke, heftiger als wir alle vermuten. Wir freuen uns darauf und sind darauf vorbereitet.

    Natürlich gibt es noch erhebliche Unwägbarkeiten, aber die Situation wird für Hotels und Restaurants von Woche zu Woche besser. Wir merken das schon an steil-steigenden Reservierungen. »Können wir kommen, Herr Rust? Haben wir ein Zimmer?« Diese Anfragen, ob per Telefon oder Email, kommen permanent.

    Und, dass nach einer aktuellen Studie 45 Prozent der 18- bis 25-Jährigen öfter wandern, ist auch eine sehr gute Nachricht für den Harz. Ich habe überhaupt den Eindruck, dass viele Harzurlauber auch aufgeschlossen für Veränderungen sind. Als unser Restaurant geschlossen war, haben wir unseren Gästen einen Picknickkorb für zwei Personen zusammengestellt , mit allem, was dazugehört. Das wurde überraschend häufig in Anspruch genommen.

    Ihre Mitarbeiter haben Sie teilweise mit dem Bau eines Hüttendorfes für die Außengastronomie beschäftigt. Was planen Sie genau?

    Wir erwarten, dass die Außengastronomie in den nächsten Monaten einen starken Aufschwung erlebt. Also bauen wir viele kleine »Hüttchen« für zwei Personen, die sich dann je nach Bedarf zu einem Hüttendorf zusammenstellen lassen.

    Was haben Sie an finanziellen Ausgleichshilfen in der Coronazeit erhalten?

    Da wir im November des Vorjahres das Hotel umgebaut haben und im Dezember Betriebsferien hatten, waren die Ausgleichszahlungen – 75 Prozent des Umsatzes in diesen beiden Monaten – kaum der Rede wert.

    Wieviel Prozent der Hotels und Restaurants im Harz werden nach Ihrer Vermutung aufgrund von Corona aufgeben müssen?

    Natürlich wird jeder versuchen, wieder zu öffnen. Aber viele Betriebe haben Anträge auf Stundung von Forderungen gestellt, bei den Banken, beim Finanzamt, bei der Kommune. Was passiert, wenn diese Forderungen dann in einem halben Jahr fällig gestellt werden, kann Ihnen niemand sagen. Ich kann nur das Beste hoffen, auch für eine weitere gedeihliche Entwicklung im Harz.

    Sie sind dafür bekannt, dass Sie sich mit Ihren Ideen und Ihren Netzwerken intensiv für Hohegeiß einsetzen. Über welche aktuelle Entwicklung freuen Sie sich ganz besonders?

    In den letzten vier Jahren hat sich viel getan in Hohegeiß. Es wurde wieder investiert, was jahrelang gar nicht der Fall war. Allein im letzten halben Jahr haben vier Hotels den Besitzer gewechselt und es sind Gaststätten und neue Geschäfte in Räumlichkeiten eröffnet worden, die lange leer standen. Sehr viele Leute, auch jüngere, aus den Ballungszentren haben hier etwas erworben, so dass der Immobilienmarkt zur Zeit komplett leergefegt ist.

    Wer durch den Oberharz fährt, dem verschlägt es die Sprache. Statt des herrlichen Fichtenhochwaldes, zum Beispiel am Oderteich, sieht man kilometerweit abgestorbene Bäume. Wie reagieren Ihre Gäste darauf?

    Jeder zweite Gast, der hier bei uns an der Rezeption steht, fragt mich »Herr Rust, was ist da passiert?« Hier bei uns in Hohegeiß werden kranke Bäume abgeholzt, im Nationalpark lässt man sie stehen. Ich schlage den Gästen vor, zum Torfhaus zu fahren und mit den Rangern eine Begehung im Nationalpark zu machen. Ob sie das Problem dann verstanden haben, ist eine ganz andere Frage. Aber das Baumsterben ist ja nichts harz-typisches, sondern ein deutschland-weites Problem in den Mittelgebirgen.

    Im Südharz haben wir einen sehr großen Bestand an Buchen, die anscheinend mit trockeneren Jahren besser zurecht kommen. Auch im Ostharz gibt es viele Laubbäume.

    Wandern ist nach einer neuen Studie für viele eine Mischung aus Fitness, Entspannung, Naturerleben und Geselligkeit. Würden Ihre Gäste das bestätigen?

    Das bringt die Sache genau auf den Punkt. 40 Millionen Deutsche wandern. Wir haben diese Zielgruppe nie aus den Augen verloren. Das Wandergebiet von Hohegeiß ist im Grunde ein Verbundsystem. Wenn ich hier losgehe, könnte ich durch den ganzen Harz wandern. Alles ist ausgeschildert, verzweigt, vernetzt.

    Wo kommen Ihre Gäste zum überwiegenden Teil her?

    Grob gesagt aus einem Umkreis von 300 Kilometern, also zum Beispiel aus Bremen, Hamburg, Berlin, Leipzig bis zur Weißwurstgrenze.

    Als Hotelbetreiber erreichen Sie über Internetportale Urlauber auf der ganzen Welt. Welche Erfahrungen haben Sie mit der großen Reichweite und den damit verbundenen Konditionen der Internetkonzerne gemacht? Geht es überhaupt noch ohne die Portale?

    Nein, ohne die Portale wie zum Beispiel Booking.com, HRS oder Expedia geht es heute nicht mehr. Die Größe eines Hotels ist dann entscheidend, wieviele Zimmer zur Verfügung gestellt werden können und ob man bereit ist, entsprechende Provisionszahlungen zu leisten.

    »Ohne die Hotelportale geht es nicht«

    Für ein Hotel in unserer Größenordnung mit 58 Betten ist es wichtig, überhaupt vertreten zu sein, so dass man auf den Portalen gefunden wird. Oftmals kann bei uns aber nur ein einziges Zimmer gebucht werden. Der Gast, der nun ein zweites benötigt, etwa für die Kinder, ruft dann direkt bei uns an.

    Mit wieviel Hotelportalen arbeiten sie zusammen?

    Wir sind so ziemlich in jedem Portal vertreten, aber immer nur mit einem oder zwei Zimmern, da wir sehr viele Stammgäste haben, die wir auf keinen Fall vernachlässigen wollen. Das Kontingent, das ich den Portalen zur Verfügung gestellt habe, war eigentlich vor Corona ständig ausgebucht. Als Hotelier muss man ja immer auch die wirtschaftliche Seite und damit die Auslastung im Auge behalten und bemüht sein, auch neue Gäste zu bekommen. Deshalb ist es wichtig, auf den Portalen präsent zu sein.

    Was stellen die Hotelportale für ihre Dienstleistung in Rechnung?

    Ich zahle bei Booking.com eine Standardprovision von 12 Prozent. Bei anderen Portalen sind es 10 Prozent plus Mehrwertsteuer, was ungefähr auf das Gleiche herauskommt. Wenn man bereit ist, mehr Provision zu zahlen, steigt man im Ranking natürlich immer weiter nach oben und steht dann auf Platz 1, 2 oder 3. Ich bin mit der Standardprovision aber immer gut gefahren.

    Darüber hinaus arbeite ich mit einem Reiseunternehmen zusammen. Das funktioniert nicht auf Provisionsbasis, sondern ich gehe mit dem Zimmerpreis etwas runter, brauche mich dafür aber um nichts zu kümmern.

    Welche Rolle spielen bei den Hotelportalen gute Fotos?

    Eine überragende Rolle. Einen guten Fotografen zu suchen, lohnt sich. Die Luftaufnahme habe ich noch vom Hubschrauber aus gemacht. Das geht aber heute mit Hilfe einer Drohne viel einfacher.

    Vor Corona hatten Sie eine hervorragende Zimmerauslastung. Wieviele Ihrer Gäste kamen über Ihre Internetseite oder meldeten sich als Stammgast bei Ihnen?

    Etwa zwei Drittel! Ein Drittel kommt über andere Vertriebswege wie die Hotelportale oder Reiseunternehmen mit denen wir zusammenarbeiten.

    Welche Erfahrungen haben Sie mit den regionalen Portalen wie dem Online-Buchungskanal des Harzer Tourismusverbandes oder der Internetseite harz.de gemacht?

    Auf diesen Portalen bin ich heute nicht mehr vertreten, weil es nicht der klassische Vertriebsweg ist, wo der Gast nach einem Urlaubsquartier sucht. Entweder er stößt direkt auf die Internetseite unseres Hotels, wobei das Ranking bei Google eine wichtige Rolle spielt, oder er landet auf einem der Hotelportale.

    Ein anderes Thema sind die Bewertungsportale. Wie ernst nehmen Sie die dort geäußerte Kritik?

    Wir nutzen verschiedene Wege, um unsere Gäste zu animieren, ihre Kritik unmittelbar zu äußern, damit wir Mängel sofort abstellen können. Aus Gesprächen mit anderen Hoteliers weiß ich aber, dass dort manchmal einfach irgendetwas ohne Hand und Fuß hineingeschrieben wird. Das trägt nicht gerade zur Glaubwürdigkeit der Portale bei.

    »Aufenthaltsdauer steigt«

    Wie hat sich bei Ihnen die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste entwickelt?

    Während sie früher immer weiter auf etwas über drei Nächte zurückgegangen ist, liegen wir erfreulicherweise inzwischen wieder bei fast fünf Nächten.

    Der Wintersport ist in Hohegeiß ein wesentliches Standbein des Tourismus. Wenn man die  teuren Pistenraupen sieht, ahnt man, dass bei Ihnen auch eine Menge Idealismus mitschwingt.

    Das ist natürlich ein reines Zuschussgeschäft, aber letztlich profitiert der ganze Ort von unseren Liftanlagen und Langlaufloipen. Wenn wir im Winter einen Nachtabfahrtslauf mit einer sehr großen Flutlichtanlage anbieten, kommen die Leute sogar aus Halle, um hier für zwei Stunden Ski zu laufen. Durch die neue Autobahn über Nordhausen sind sie ja in einer Stunde bei uns.

    »Wintersport wichtiges Standbein«

    Auch den Langläufern haben wir etwas zu bieten. So gibt es hier im Ort zwei größere Rundloipen, von denen eine beleuchtet ist. Sehr beliebt ist auch unser Rodellift. Überhaupt ist Rodeln ein Thema was noch ausbaufähig wäre.

    Einige Harzer Hotels sind bereits bei Instagram vertreten. Ist das auch für Sie ein Thema?

    Ja, diese Entwicklung wird sicher weitergehen. Aber es ist eben auch sehr zeitaufwändig, wenn man auf gute Bilder und informative, nicht nur belanglose Texte wert legt. Bei mir gibt es zwei junge Leute, die sehr bewandert sind mit den Sozialen Medien. Die werden diese Aufgabe sicher gern übernehmen.

    Ihre Stieftochter schließt in diesem Jahr ihre Ausbildung als Hotelkauffrau ab. Wird sie danach direkt in Ihren Betrieb einsteigen? Raten Sie ihr überhaupt, in der Hotellerie zu bleiben?

    Vor Corona hätte ich gesagt »ja«. Allerdings gehört zu den Schattenseiten unserer Branche ein heftiger Preiskampf nach dem Motto »immer billiger, bei immer mehr Komfort«. Hinzu kommt in der Gastronomie das Personalproblem. Manche Betriebe müssen schließen, weil sie kein Personal bzw. Fachpersonal bekommen. Man ist daher gut beraten, eigenen Nachwuchs heranzuziehen.

    Ich empfehle ihr, erst einmal über den Tellerrand zu schauen und Erfahrungen in anderen Hotels zu sammeln.

    Ein Problem vieler Hotels mit Restaurantbetrieb haben Sie elegant gelöst.

    Viele Leute haben eine seltsame Schwellenangst, in das Restaurant eines Hotels zu gehen. Wir haben also umgebaut und nennen es jetzt Hüttencafe. Seitdem funktioniert es. Gäste einer Ferienwohnung oder vom Campingplatz kommen nun zu uns zum Frühstück oder zum Mittag- und Abendessen. Wir haben von morgens ab 8 durchgehend Küche.

    »Viele regionale Produkte«

    Sie haben sich vor einigen Jahren entschieden, konsequent auf regionale Produkte umzustellen. Geht das?

    Nicht bei allen Produkten, das funktioniert nicht, aber doch bei sehr vielen. Mineralwasser kommt aus Bad Harzburg, das Bier aus Altenau, die Spirituosen von der Whiskydestillerie aus Zorge, Wurst, Käse, Fleisch, Forellen und Wildprodukte von einem bäuerlichen Familienbetrieb in Walkenried, der in Hohegeiß auch die Bergwiesen pflegt.

    Von welchen touristischen Angeboten fühlen sich Ihre Gäste besonders angesprochen?

    Da sind natürlich die High Lights wie Brockenbahn, Harzquerbahn, Hängeseilbrücke, Teufelsmauer, Baumwipfelpfad usw. In einem Umkreis von 30 bis 40 Kilometern liegen die berühmten Fachwerkstädte Goslar, Quedlinburg, Stolberg und Wernigerode. Wir haben die bekannten Stollen und Höhlen sowie die zahlreichen Stauseen. Es gibt so viele teils spektakuläre Freizeitmöglichkeiten wie in keinem anderen Mittelgebirge. Übrigens: Unser täglich erscheinender Newsletter hat in jeder Ausgabe auch einen Ausflugstipp. Der letzte empfahl zum Beispiel einen Besuch des Luftfahrt Museums Wernigerode.

    »Zahlreiche heimische Orchideenarten«

    Gibt es in Hohegeiß neben den vielfältigen Wander- und Mountainbike-Möglichkeiten sowie dem herrlich gelegenen Freibad noch Überraschungen, die im Reiseführer nur selten zu finden sind?

    Ja, zum Beispiel die Bergwiesen mit ihrer Vielfalt an Naturpflanzen. Wo sonst im Harz wachsen schon so viele heimische Orchideenarten. Mit einem Bergwiesenportal wollen wir darauf hinweisen. Es ist sozusagen ein Pfad durch die Bergwiesen, bei dem Experten erklären, welche seltenen Pflanzen und Kräuter bei uns heimisch sind.

    Das sogenannte Dreiländereck, bei dem die Landesgrenzen von Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammentreffen, ist nur wenige Kilometer vom niedersächsischen Hohegeiß entfernt. Macht sich das für den Ort eher positiv oder eher negativ bemerkbar?

    Natürlich begrüßen wir es, wenn auf der Ebene der Bundesländer gute Entscheidungen für den Harz getroffen werden, aber wenn vier verschiedene Landkreise auf engem Raum zuständig sind, kommt es naturgemäß zu länderübergreifenden Problemen. Das fängt bei den Busfahrplänen an und hört bei den unterschiedlichen Fördermitteln auf.

    Auf der Ebene der Kommunen allerdings funktionieren die Kontakte: Benneckenstein liegt in Sachsen-Anhalt, Rothesütte als nördlichster Ort Thüringens gehört zur Stadt Ellrich und Hohegeiß zu Braunlage. Vor Corona hat es regelmäßig Stammtische der drei Orte gegeben und man hat sich bei Veranstaltungen gegenseitig unterstützt. Das länderübergreifende Spuren der Langlaufloipen funktioniert zum Beispiel auf dem kleinen Dienstweg.

    Ansturm auf einen Rückzugsort im Grünen

    »Seit der Corona-Krise verzeichnen wir einen wirklichen Ansturm auf Ferienhäuser«, zitiert die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in ihrer Ausgabe 19/21 einen Vertreter des Unternehmens Ostharz Immobilien. Die Preise seien im Ostharz im Schnitt um 25 bis 30 Prozent gestiegen. Hätten die Käufer vor ein paar Jahren für ein Wochenendhäuschen rund 50.000 Euro bezahlt, lägen sie inzwischen bei 70.000 bis 100.000 Euro.

    Der Verkauf eines Objekts habe vor fünf Jahren manchmal sechs Monate gedauert, heute lägen nach drei Tagen zuweilen bereits 40 Anfragen vor. Einen Rückzugsort im Grünen suchten nicht nur Käufer aus einem Umkreis von 200 Kilometern, sondern auch Leute aus der Nähe. Der Harz habe sein altbackenes Image mittlerweile abgestreift. Im westlichen Teil des Mittelgebirges seien noch Schnäppchen möglich.

    Text, Bilder und Gestaltung: Michael Hotop, Jochen Hotop