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  • Faszinierende Inseln der Vielfalt: Bergwiesen von Hohegeiß im Südharz

    Faszinierende Inseln der Vielfalt: Bergwiesen von Hohegeiß im Südharz

    Hohegeiß ist eine wunderbare Welt für Naturpflanzen-Liebhaber und Menschen, die ein Auge für die Vielfalt von Bergwiesen haben, ein Ort wie es ihn nur an wenigen Stellen im Harz gibt. Wo wachsen schon zahlreiche heimische Orchideen und insgesamt 30 Pflanzen von der Liste gefährdeter Arten?

    Obwohl es in Hohegeiß viele interessante Lebensräume gibt, will ich in diesem Bericht in erster Linie die schützenswerten Berg-Mähwiesen vorstellen. Dabei handelt es sich jedoch nicht einfach um gewöhnliche Wiesen, die sich am Berg befinden und gemäht werden. Hinter dem Begriff Wiese versteckt sich eine Vielzahl an Biotoptypen, die sich vom feuchten Borstgras-Magerrasen bis hin zur nährstoffreichen Bergwiese erstreckt – je nach Standort, Klima und Nutzung. Trotz der auf den ersten Blick irreführenden Namensgebung „Magerrasen“, die sich durch Nährstoffarmut der Böden auszeichnen, beherbergen gerade solche Flächen einen erstaunlich großen Reichtum an unterschiedlichen Tieren und Pflanzen. Im Gegensatz zu den gedüngten im Schatten liegenden „fetten“ Wiesen. Doch wie entstanden die Wiesen?

    Die ersten Sonnenstrahlen erreichen das Breitblättrige Knabenkraut, eine unserer heimischen Orchideen, und reflektiert die Wassertropfen des Morgentaus.

    »Entstehung einer artenreichen Kultur- und Naturlandschaft«

    Wer kennt nicht das Gefühl …

    … barfuß durchs Gras zu gehen, die Halme zwischen den Zehen zu spüren, den Geruch frisch gemähter Wiesen, oder die Geräusche, welche von einer bunten Blumenwiese ausgehen? Das Summen und Brummen der Bienen, das Zirpen der Grillen und Heuschrecken, wenn sie ihre Hinterbeine aneinander reiben, das Rauschen der Grashalme im Wind. Und natürlich die kunterbunten Blüten der Blumen, die alle Farben des Spektrums widerspiegeln. All diese Merkmale assoziieren wir in der Regel mit einer ursprünglichen Wiese. Doch was ist das Besondere an diesem Grünland, wie die Wiesen im Allgemeinen auch genannt werden? Für ein halbes Jahr durfte ich das Wachstum und den Wandel der sehr gut erhaltenen Bergwiesen von Hohegeiß beobachten und fotografisch festhalten. Dabei eröffnete sich mir eine wunderbare, vielfältige Welt an Pflanzen und Tieren, wie es sie nur noch an sehr seltenen Orten so zahlreich gibt.

    Hier könnte ich jetzt mit der Geschichte der Menschheit beginnen, als der Homo sapiens mit dem Rückgang der Gletscher begann, Lebensraum samt Wohnraum durch Waldrodung zu erschließen. Dörfer wurden erbaut und Vieh gezüchtet. So entstanden die ersten Blumenwiesen.

    Auch die Bergwiesen von Hohegeiß, gehören zu einer durch jahrhundertelange Bewirtschaftung entstandenen Kulturlandschaft. Obwohl von Menschenhand erschaffen, sind sie Teil der Natur, die es zu erhalten gilt. Bis in die 1930er Jahre wurden die Wiesen für die Viehhaltung genutzt. Allerdings nicht zur Beweidung, hierzu wurden die Tiere in den Wald getrieben, sondern vorrangig als Heuwiesen für die Ernte des Winterfutters. Mit Aufkommen der Industrialisierung und Erschließung des Harzes für den Tourismus, ging die Zahl der Selbstversorger zurück. Der Einkauf frisch gelieferter Waren wurde kostengünstiger als der eigene Anbau. Immer mehr Bauern verzichteten daher auf die mühselige, unwirtschaftliche Nutzung der Bergwiesen und verkauften ihre Flächen nach und nach an die Forstverwaltung. Einige der Wiesen lagen jahrelang brach und der Wald eroberte die Gebiete schleichend zurück, indem er mit Buschwerk seine Grenzen immer weiter ausdehnte. Aber warum lassen wir nicht Natur Natur sein? Soll doch der Wald wachsen und sich ausbreiten!

    In den frühen Morgenstunden sind die Insekten noch nicht so agil. Auch das kleine Kleewidderchen auf dem Teufelsabbiss wartet auf die wärmenden Sonnenstrahlen.
    Pflücken verboten! Wie alle heimischen Orchideen ist auch das Breitblättrige Knabenkraut geschützt.

    Die Frage ist relativ einfach zu beantworten: Weil auch die Wiesen zu unserer Naturlandschaft gehören und sich einige Lebewesen auf diesen Lebensraum spezialisiert haben. Doch im Gegensatz zu den Wäldern benötigen die Wiesen unsere Unterstützung. Sie müssen gepflegt werden. Wie sieht nun so eine Pflege aus und auf was muss man dabei achten? Dazu müssen wir die Wiesen genauer in Augenschein nehmen. Denn wie oben schon angemerkt, ist Wiese nicht gleich Wiese.

    »Wovon hängen der Wiesentyp und damit seine Artenvielfalt ab?«

    Wenn wir auf den Wanderwegen an den vielen Wiesenparzellen rund um Hohegeiß vorbeikommen fällt nicht nur dem geschulten Auge auf, dass sich die Vegetation unterscheidet. Auf vielen Bergwiesen ist im Frühjahr die Bärwurz dominant, deren intensiver Geruch uns sofort in die Nase steigt. Früher war diese Pflanze aus keiner Küche wegzudenken, galt sie doch als Grundlage vieler ursprünglicher Gemüsegewürze. Sie ist aber auch ein Indiz dafür, dass wir es hier mit einem Magerrasen zu tun haben.

    Die Typisierung der Wiesen basiert auf einer systematischen, wissenschaftlichen Grundlage. Hierbei können die Wiesen grob in die Kategorien trocken, feucht sowie nährstoffarm (mager) und nährstoffreich (fett) unterteilt werden. Außerdem beeinflussen die Bodenzusammensetzung und die klimatischen Bedingungen den Artenbestand und somit auch den Wiesentyp. Die meisten Bergwiesen weisen mehrere unterschiedliche Biotope auf, so dass die Übergänge in der Regel fließend sind.

    Bei einem Streifzug durch das Gebiet um Hohegeiß kommen wir mindestens an einer Parzelle vorbei, auf der wir diese Übergänge ganz gut beobachten können. Eine davon ist am Mittelberg zu beobachten. Wie viele Bergwiesen befindet sich diese in Hanglage. Talabwärts geht die eher trockene Wiese in ein Sumpfgebiet über, welches an den noch jungen Bärenbach angrenzt. Leicht kann man hier die unterschiedlichen Biotoptypen anhand der Vegetation erkennen. Einige Grünflächen besitzen Quellsümpfe, die entweder in den Bärenbach oder Wolfsbach münden. Daher sind diese Wiesen besonders vielfältig und bieten vielen bedrohten und gefährdeten Pflanzen einen Lebensraum, der ihnen nur noch bedingt zur Verfügung steht. Das gilt natürlich auch für Tiere, insbesondere Insekten, die sich auf bestimmte Lebensformen spezialisiert haben.

    »Blütenpracht heimischer Orchideen«

    Ein Spaziergang im Frühjahr führt uns noch an sehr kargen, fast trostlos kurzgeschorenen Grünflächen vorbei. Die unschönen, offenen Stellen der Pflegemaßnamen fallen sofort ins Auge. Und obwohl die Grasnarben und aufgerissenen Böden unserer Vorstellung einer vollkommenen, naturnahen Wiese zunächst widersprechen, sind sie doch notwendig, um den Erhalt dieser Wiesen zu sichern. Aber davon später ein wenig mehr.

    Das Breitblättrige Knabenkraut beginnt seine ersten Blüten zu öffnen, bevor es sich vom Boden erhebt.

    Auf den ersten Blick wirken die Wiesen ziemlich verkümmert und wie abgestorben. Die Grashalme sind eher gelblich statt satt grün. Bei genauer Betrachtung können wir allerdings schon die ersten Blätter erkennen, aus deren Schoß in ein bis zwei Monaten Orchideenblüten hervorkommen. Interessanterweise ist eine der drei Orchideenarten auf verschiedenen Wiesenabschnitten besonders dominant. So verschönern das Breitblättrige Knabenkraut, das Stattliche Knabenkraut oder das etwas später blühende Gefleckte Knabenkraut, mit kräftigen rosa über hellrosa bis hin zu weißen Farbtupfen die Bergwiesen.

    »Die Bergwiesen von Hohegeiß: Viele seltene Pflanzen sind hier noch zahlreich«

    Verweilen wir noch ein wenig bei den ersten Blütenpflanzen, die hier auf einer Höhe von ca. 620 m, wachsen. In den Quellsumpfgebieten sowie an den Ufern des Wolfsbachs und Bärenbachs wächst die unscheinbare Bach-Nelkenwurz. Hier ist ihr Vorkommen noch so zahlreich, dass der Gedanke an eine gefährdete Art zunächst nicht aufkommen will. Auch das Breitblättrige und Stattliche Knabenkraut gehören zu den Frühblühern der Bergwiesen von Hohegeiß. Auf den Wiesen finden wir stellenweise eine Vielzahl dieser Orchideen. Sie beginnt mit der Blütenbildung bevor ihr Stiel hochgewachsen ist. Deshalb werden die zarten Knospen oft von der überall stark vertretenen Bärwurz zunächst verdeckt. Neben den dunkel- bis hellrosa Orchideen ist auch die Trollblume mit ihrem knallgelben Kugelkopf zu sehen. Auf das vollständige Öffnen ihrer Blütenblätter können wir lange warten, denn sie öffnet sich nie ganz. Nur kleine Insekten, Fliegen oder Käfer können durch die kleine Passage auf ihrer Kuppel in die Blüte schlüpfen.

    Mit den länger werdenden Tagen wird die Blütenpracht der Wiesen immer bunter. Je nach Typ gesellen sich Wiesen-Schaumkraut, Flockenblumen, Sumpf-Kratzdistel, Margerite, Kuckucks-Lichtnelke und viele weitere Arten dazu. Dafür verschwinden die schon verblühten Pflanzen ganz heimlich unter den Neuankömmlingen und machen diesen Platz. Aber uns interessieren besonders die gefährdeten Pflanzenarten. So finden wir im Frühsommer das Gefleckte Knabenkraut nicht nur auf den Wiesen, sondern häufig auch an den Wegrändern, wo es von jedem aufmerksamen Besucher betrachtet werden kann. Vereinzelt ist die Arnika, auch Berg-Wohlverleih genannt, zu sehen. Obwohl sie als Giftpflanze gilt, ist ihr Einsatz als Heilpflanze, vor allem bei Prellungen, Blutergüssen, Verstauchungen oder Muskel- und Gelenkbeschwerden, jedermann bekannt. In einigen Ländern, wie Belgien und Kroatien ist die Arnika bereits vom Aussterben bedroht. In Deutschland steht sie auf der Roten Liste gefährdeter Arten.

    »3500 Tierarten bewohnen unsere Wiesen«

    Mittlerweile ist es Sommer. Auf den Wiesen tummeln sich jede Menge Insekten, deren Aufgabe für die Pflanzen darin besteht, die Blüten zu bestäuben und damit den Artbestand im Folgejahr zu sichern. An die 3500 Tierarten bewohnen unsere Wiesen, darunter Kleinlebewesen, wie Heuschrecken, Zikaden, Ameisen und farbenprächtige Käfer. Hummeln, Bienen und Schwebefliegen sind fleißig am Werk, aber auch Schmetterlinge und Widderchen fliegen die Pflanzen ab und sorgen dabei für die Befruchtung der Pflanzensamen.

    Auch Rotfüchse tummeln sich auf den Bergwiesen. Finden Sie hier doch genügend Nahrung für sich und ihre Jungtiere.

    »Die Mahd – eine wichtige Arbeit für den Erhalt der Wiesen«

    Mitte Juni haben die meisten Blumen und Gräser ihre Samen mit Hilfe des, für die Berglandschaft typisch vorherrschenden Windes ausgestreut. Für einen Teil der Wiesen ist es nun Zeit für die Mahd. Doch bestimmte Wiesen-Inseln, auf denen der Artbestand noch etwas Zeit für die Fortpflanzung braucht, dürfen stehen bleiben. Hier wird der gewöhnliche Teufelsabbiss noch von den fleißigen Nektarsammlern besucht und bestäubt und die Schmetterlinge finden noch genügend Plätze für die Eiablage. Wie die Orchideen stehen auch der Teufelsabbiss, die Kugelige Teufelskralle, Mücken-Händelwurz, Großer Wiesenknopf und weitere 20 Pflanzen, die wir in diesem Schutzgebiet finden können, auf der Roten Liste. Ende August ist es auch für die letzten Wiesen Zeit für den pflegenden Schnitt.

    Im Hochsommer sind viele Pflanzen schon verblüht. Die Zeit der Mahd steht bevor.

    »Warum die Pflege der Bergwiesen so wichtig ist«

    Zwei Kleewidderchen halten sich tapfer an den Grassamen fest während der Wind durch die Wiese fegt.

    Gerade Bergwiesen benötigen regelmäßige Pflege, damit die Pflanzen im Folgejahr wieder zahlreich und in voller Pracht gedeihen können. Dazu gehört in erster Linie die Mahd. Also das Mähen der Grünfläche. Wiesenpflanzen besitzen nämlich die erstaunliche Fähigkeit zur völligen Regeneration. Damit vertragen es die Gewächse nicht nur jedes Jahr „abrasiert“ zu werden, sie benötigen diese Maßnahme sogar zwingend! Anschließend treiben sie von Grund auf neu aus und werden so groß und stark wie zuvor. Alle Parzellen um Hohegeiß werden einmal im Jahr gemäht. Allerdings nicht alle gleichzeitig. Der Termin für den Schnitt richtet sich immer nach den vorhandenen Arten und deren Lebenszyklus, besonders derjenigen, die auf der Roten Liste stehen. Auch das Wetter spielt für den richtigen Zeitpunkt eine große Rolle. So findet die Mahd erst dann statt, wenn die Fläche ohne Schäden an der Vegetation und dem Boden, durchgeführt werden kann.

    »Besonderheiten der Beweidung«

    Einige Wiesen können wegen ihrer Lage, z.B. bei extrem steilen Hängen oder unebenem Boden, nicht mit Maschinen gemäht werden. Hier kommt die extensive Beweidung, durch Rinder und Schafe, zum Tragen. Ein Vorteil der Beweidung gegenüber der Mahd liegt darin, dass es, durch den selektiven Fraß der Tiere, für die kleinen Wiesenbewohner weiterhin genügend Rückzugsmöglichkeiten gibt. Dadurch finden Tagfalter und andere Insekten immer noch ausreichend Pflanzen zum Saugen des energiespendenden Nektars und für ihre Eiablage. Ab Mitte Juni können wir deshalb auch Weidetiere auf den Grünflächen rund um Hohegeiß beobachten.

    Aber zur Pflegemaßnahme gehört auch das Zurückschneiden oder Entfernen von Buschwerk, damit der Wald die Gebiete nicht wieder zurückerobert und den empfindlichen Blumen den Platz zum Wachsen und den Zugang zum lebenswichtigen Sonnenlicht verwehrt.

    »Ein Netz zum Schutz der Biodiversität«

    Der Braune Feuerfalter aus der Familie der Bläulinge. Sie
    ist mit über 100 Arten in Europa vertreten.

    Das Naturschutzgebiet bei Hohegeiß gehört zum Netz „Natura 2000“, welches 1992 von der Europäischen Union errichtet wurde. Durch den Verbund einzelner FFH-Gebiete (Flauna-Flora-Habitat-Gebiete) soll ein länderübergreifender Schutz gefährdeter wildlebender heimischer Pflanzen- und Tierarten, sowie deren natürlicher Lebensräume gewährleistet werden. Außerdem dient es dazu, das von der EU beschlossene Ziel, den Schutz der biologischen Vielfalt von Arten und Lebensräumen, umzusetzen.

    Das FFH-Gebiet „Bergwiesen und Wolfsbachtal bei Hohegeiß“ trägt mit insgesamt 244 ha zu diesem Schutz bei. Davon sind ca. 82,8 ha im Besitz der Niedersächsischen Landesforsten, was ca. 34% der gesamten FFH-Gebietsfläche entspricht. Die anderen Flächen befinden sich größtenteils in Privatbesitz.

    »Kleinod im Südharz«

    Das FFH-Gebiet um Hohegeiß hat aber mehr zu bieten als nur die schützenswerten Bergwiesen. Auch die Wälder ringsum enthalten vielfältige Biotoptypen, die Seltenheitswert besitzen. Der Luchs frequentiert das Gebiet und es wird vermutet, dass es hier ein oder mehrere Wildkatzenreviere gibt.

    Für interessierte Besucher wurde ein informativer Rundweg über die Bergwiesen mit ca. 3 km Länge angelegt. Von der Geschichte bis zum Artenbestand kann man auf Infotafeln viel erfahren.

    Aus meiner Sicht ist es im Südharz gelungen, ein Gebiet mit unterschiedlichsten Lebensräumen und – formen unter Schutz zu stellen und mit schonenden Eingriffen durch den Menschen zu erhalten. Auch wir Besucher tragen für den Erhalt eine große Verantwortung. Trittschäden können nachfolgende Pflanzengenerationen, besonders bei Orchideen, zerstören. Daher sollten wir das in Naturschutzgebieten generell geltende Wegegebot einhalten. Doch gerade um Hohegeiß finden wir immer wieder Bänke am Rand der Bergwiesen, bei denen wir kurz innehalten und die Atmosphäre dieser besonderen Landschaft auf uns wirken lassen können. Von diesen Standorten aus, haben wir auch einen wunderschönen Blick auf die Vielfalt der vor uns liegenden Bergwiese.

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    Die Fotos in diesem Beitrag entstanden mit Genehmigung des Niedersächsischen Forstamts Lauterberg. Für dessen Unterstützung und die des für dieses Gebiet zuständigen Försters für Waldökologie möchte ich mich herzlich bedanken.

    Text und Fotos: Anni Wilhelm

  • »80 glückverheißende Orte« im Harz

    »80 glückverheißende Orte« im Harz

    Die Sehnsucht des Menschen nach dem Paradies in Form von glückverheißenden Orten findet im Harz ständig neue Nahrung. Das beweist André Niedostadek mit seinem kürzlich erschienenen Buch »Glücksorte im Harz«. Wer dabei ausschließlich die bekannten Highlights des Mittelgebirges erwartet, ist überrascht, wieviel weniger bekannte und vor allem kaum bekannte Anziehungspunkte es hier gibt.

    Jeder »Glücksort« wird auf einer Doppelseite vorgestellt – mit einem ganzseitigen Bild sowie einer launig-liebevollen Kommentierung auf der jeweils gegenüberliegenden Seite. Obwohl Niedostadek kein Reisejournalist ist, sondern Professor an der Hochschule Harz in Halberstadt (unter anderem für Wirtschaftsrecht und Arbeitsrecht), gelang ihm eine interessante Mischung von 80 glückverheißenden Orten. Hier eine kleine Auswahl mit Kurzportraits:

    Bekannte Glücksorte im Harz

    1. Auf dem Brocken: Der Ausblick kann atemberaubend sein. Goethe war dreimal, Brocken-Benno sogar über 8.000-mal auf dem sagenumwobenen Blocksberg.
    2. Harzer Schmalspurbahnen: Bei einem Dampfabenteuer lässt sich auf dem über 140 Kilometer umfassenden Streckennetz wunderbar innehalten und die Landschaft genießen. Die Dampflegenden schnaufen sogar hinauf zum Brocken.
    3. Die Teufelsmauer bei Weddersleben: Sie ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten im Harz und zieht sich von Ballenstedt bis Blankenburg. Der Abschnitt bei Weddersleben ist besonders eindrucksvoll. Hier türmen sich schroffe, nahezu 20 Meter hohe Sandsteinfelsen zu einem einzigartigen Naturdenkmal.
    4. Die Stabkirche in Hahnenklee: Ein beliebter Ort für das »Ja-Wort«. Eine Kirche komplett aus Holz. Eine Augenweide mit vielen geometrischen Formen. Nachempfunden einem norwegischen Glanzstück in Borgund.
    5. Die Sternwarte in St. Andreasberg: Der Blick ins Universum wird bei der mit 700 Metern höchstgelegenen Sternwarte Norddeutschlands zu einem unvergesslichen Erlebnis, wenn etwa die Milchstraße mit ihren Milliarden von Sternen für galaktische Eindrücke sorgt.
    6. Über die Titan RT im Bodetal: Die Rappbodetalsperre ist Schauplatz für mehrfachen Nervenkitzel. Neben der Titan RT, eine der längsten Hängebrücken der Welt, sorgen der spektakuläre Pendelsprung »GigaSwing« und die Megazipline, Europas längste Doppelseilrutsche, für Adrenalin in den Adern.
    7. Die Rosstrappe bei Thale: Auf der Flucht vor dem Riesen Bodo wagte die schöne Königstochter Brunhilde mit ihrem Rappen den Sprung vom Hexentanzplatz auf die andere Seite des Tals und hinterließ dabei einen markanten Abdruck im Granitfelsen. So geht jedenfalls die Sage. Von der Rosstrappe, die man auf einem zuweilen anspruchsvollen Wanderweg erreicht, hat man einen prächtigen Ausblick auf das zerklüftete Bodetal, den »Grand Canyon des Harzes«.
    8. Auf dem Liebesbankweg: Der sieben Kilometer lange Rundwanderweg um den Bocksberg, der in der Nähe der Stabkirche beginnt, schaffte es 2018 unter die Top 10 bei der Publikumswahl zu »Deutschlands schönsten Wanderwegen«.

    Weniger bekannte Glücksorte

    1. Die Hammerschmiede in Zorge: Hier wird nicht der Hammer geschwungen, sondern ein Single Malt Whisky sowie andere Spirituosen feinster Qualität hergestellt, mit entsprechenden Verkostungsmöglichkeiten.
    2. Die Trink- und Wandelhalle in Bad Harzburg: Wer nach einem Abstecher zum Baumwipfelpfad oder zum Luchsgehege eine andere Seite des größten Kurortes im Harz kennenlernen möchte, kann im historischen Ambiente der Trinkhalle am Krodo-Brunnen und Barbarossa-Brunnen das aus er Erde sprudelnde Heilwasser kosten.
    3. Das Bergbaumuseum »Lautenthals Glück«: Neben Gold, Blei und Kupfer wurde in der früher Freien Bergstadt Lautenthal bis in die 1930er Jahre vor allem Silber gewonnen. Dabei ist das Erz kurioserweise zum Teil auf den unterirdischen Wasserstraßen auf Kähnen transportiert worden.
    4. Im Kräuterpark in Altenau: In »Deutschlands größtem Kräuterpark« (Baedeker) kann man testen, wonach Ysop schmeckt und Minze riecht. Eine Welt voller Düfte und Farben, in der alles angefasst, beschnuppert und probiert werden darf. Die Gewürzgalerie ist als besonderer Blickfang in einem Pavillon im asiatischen Stil untergebracht, da viele Gewürze und Öle einen orientalischen Ursprung haben.
    5. Im WeltWald bei Bad Grund: Im Frühjahr den »Himalaya« und seine Rhododendren besuchen und im Spätsommer den nordamerikanischen »Indian Summer« sowie Mammutbäume erleben, das geht auf 12 Kilometer langen Wanderwegen nur im Harz. In den Waldlandschaften unterschiedlicher Kontinente findet man die japanische Kirsche genauso wie den Lebkuchenbaum.
    6. Im Baumkuchenhaus in Wernigerode: Harzer Baumkuchen werden in Wernigerode seit 1749 hergestellt, heute in vielen Varianten, zum Beispiel mit Marzipan oder Nougat. Aber nicht nur das Baumkuchenhaus ist ein beliebter Treffpunkt für Naschkatzen. Ein paar Ecken weiter gibt es im Zuckerbäckerstädtchen Wernigerode den Fabrikverkauf von Wergona Schokoladen.
    7. In der Stubengalerie in Goslar: Ein Geheimtipp in der Innenstadt. Zum besonderen Kunsterlebnis trägt die Atmosphäre des historischen Fachwerkhauses mit seinen vielen kleinen Stuben bei. Große Namen von Künstlern der Gegenwart und Klassikern der Moderne haben hier ihre Werke gezeigt. Aktuell ist die Ausstellung »Metamorphose« von Gerd Winner zu sehen (bis 6. Juni 2019).
    8. The historical Barber in Pullmann City Harz: Die bekannteste Attraktion von Hasselfelde ist eine komplette Westernstadt, zu der auch ein original historischer Barbiersalon gehört. Wer nur für eine Rasur oder das Stylen seines Bartes vorbeikommen möchte, sagt einfach kurz an der Kasse Bescheid.

    Kaum bekannte Glücksorte im Harz

    1. Der Prinzessinenturm in Blankenburg: Wer auf der Suche nach einer außergewöhnlichen Ferienwohnung für zwei Personen auf drei Etagen ist, findet am oberen Ende des terrassenförmigen Schlossparks einen Wehrturm, den Herzog Ludwig Rudolph Anfang des 18. Jahrhunderts zum Spinn- und Spielturm für seine drei Töchter umgebaut hat.
    2. Die Bisonherde in Stangerode: Europas größte Bisonherde kann auf einem fünf Kilometer langen Rundweg um den Wildpark Nordmann bewundert werden. Die grasende Herde sorgt dabei für ein besonderes Panorama.
    3. Die Apfelkiste in Wernigerode: Ein überdimensionierter Apfel signalisiert: Hier gibt’s für »´n Appel und ´n Ei« Obst direkt vom Erzeuger. Der Apfel als unkompliziertes Multitalent ist das Symbol der Versuchung, des Lebens und der Liebe, von dessen Magie schon unsere Vorfahren wussten.
    4. Der Steinway-Park in Seesen: Der markante Teil eines Steinway-Flügels erinnert daran, dass Henry E. Steinway alias Heinrich Engelhardt Steinweg 1825 in Seesen sein erstes Klavier fertigte. Die Familie wanderte 1850 in die USA aus und lebte dort den amerikanischen Traum. Ihre Klaviere und Flügel geben rund um den Globus den Ton an.
    5. An der Lutherbuche in Stolberg: Schon Luther soll den Blick genossen haben. In Stolberg kam auch die Stammmutter des niederländischen Königshauses zur Welt: Juliana zu Stolberg ist Urahnin von Willem-Alexander. Das Schloss der Familie Stolberg gehört heute der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und wird umfangreich saniert, wobei Teile bereits besichtigt werden können.
    6. Das Café Froschkönig in Gernrode: Hier kommt viel Kurioses zusammen: Eine der ältesten Schulen (heute Museum), eine Stiftskirche, die als Kulisse des Kinofilms »Die Päpstin« diente, ein 7,45 Meter großes Holzthermometer, eine der größten Kuckucksuhren, sowie das stilvoll eingerichtete ehemalige Bürgermeisterbüro, das das Café Froschkönig beherbergt.
    7. Die Sandhöhlen bei Blankenburg: In einem weitläufigen Waldgebiet nahe der Burg Regenstein gibt es eine Überraschung der besonderen Art. Auf einer Waldlichtung trifft man unvermittelt auf einen faszinierenden »Mega-Sandkasten« mit meterhohen Höhlen aus Sandstein.
    8. In den Höhlenwohnungen in Langenstein: Ähnlich wie in den Bestsellern »Der Herr der Ringe« und »Der Hobbit«, gibt es auch im Harz ein Auenland, mit in den Sandstein gehauenen Höhlenwohnungen, die noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewohnt waren. Da es noch keine Glühlampen gab, waren sie im Inneren zwar dunkel, dafür aber irgendwie heimelig und sommers wie winters gut temperiert.

    »Glücksorte im Harz« ist Mitte März im Droste Verlag erschienen und im Buchhandel für 14,99 Euro erhältlich.

    Niedostadek: »Glück findet man im Hier und Jetzt«

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    Interview mit André Niedostadek zu seinem Projekt »Glücksorte«, das Glück eines Jura-Professors in Halberstadt und Möglichkeiten, etwas für den Harz zu tun.

    Harz-Beat: Sie sind mit der Resonanz Ihres Glücksorte-Buches mehr als zufrieden und werden immer wieder gefragt, ob bereits ein zweiter Band in Vorbereitung ist. Gibt es denn überhaupt so viele besondere Orte, über die Sie berichten könnten?

    Niedostadek: Im Harz? Aber immer! Noch ist der Verlag aber nicht auf mich zugekommen.

    Harz-Beat: Welches sind für Sie persönlich Ihre ganz speziellen Glücksorte im Harz?

    Niedostadek: Ich versuche zum einen immer den Ort zum Glücksort zu machen, an dem ich gerade bin. Zum anderen ist für mich die Vorfreude ein schöner Motivator. Ansonsten entstehen die Glücksorte sehr spontan. Das kann durchaus ein Rastplatz wie der Regensteinblick sein. Den Augenblick, den ich dort morgens gegen sechs Uhr mit einem wundervollen Sonnenaufgang erleben durfte, das war in diesem Moment einfach einmalig. Vielleicht ist das auch so ein bisschen das Geheimnis von Glück, sich vollkommen auf das Hier und Jetzt einzulassen.

    Hinzu kommt, dass ich bei der Suche nach Glücksorten mit dem Motorrad unterwegs bin, was für mich definitiv glückliche Momente sind.

    Harz-Beat: Sie fühlen sich in Halberstadt überaus wohl, aber wenn man wie Sie zehn Fachbücher, zum Teil in fünfter Auflage, geschrieben hat, dann kommen doch sicher auch Angebote von anderen Hochschulstandorten.

    Niedostadek: Es gibt ja den Spruch, auf der anderen Seite der Weide sieht das Gras immer grüner aus. Aber zu glauben, irgendwo anders ist es noch schöner, stellt sich häufig als Trugschluss heraus. Ich bin in der Nähe von Münster geboren und habe dort auch studiert. Die Stadt ist zwar ein bisschen größer als Halberstadt, aber was die ländliche Atmosphäre angeht, durchaus vergleichbar. Das gefällt mir. Die Arbeitsmöglichkeiten hier und vor allem auch die Zusammenarbeit mit den Studierenden und im Kollegium sind schon sehr gut.

    »Wenn der Funke überspringt«

    Harz-Beat: Die 3000 Studenten der Hochschule Harz verteilen sich auf die Standorte Wernigerode (über 2000) und Halberstadt (etwa 900). Sie sind seit über zehn Jahren hier als Jura-Professor tätig. Welches sind in der täglichen Arbeit Ihre Glücksmomente?

    Niedostadek: Ich habe das Privileg, eine unglaublich vielfältige Tätigkeit zu haben. In der Arbeit mit den Studierenden – Jura gilt ja eher als trocken, obwohl es sehr, sehr spannend ist – sind es die Momente, wenn bei den jungen Menschen der Funke überspringt.

    Im Bereich der Forschung, muss ich dagegen tief in die Inhalte einsteigen und mich etwa mit der Rechtsprechung auseinandersetzen, um darüber Fachtexte und Fachbücher zu schreiben. Diese Arbeit geschieht im stillen Kämmerlein, fern von aller Welt. Aber auch das sind für mich ganz glückliche Momente.

    Harz-Beat: Wie stark ist bei den Menschen, die Sie bei Ihren Glücksorte-Touren getroffen haben, das Bewusstsein für die Schönheiten des Harzes?

    Niedostadek: Ich bin auf viele aufgeschlossene und begeisterungsfähige Menschen gestoßen, die einen unglaublichen Ansporn haben, etwas zu bewegen und die mich auf Glücksorte aufmerksam gemacht haben, aber manchmal hatte ich bei einigen auch den Eindruck, dass sie sich überhaupt nicht bewusst sind, welche Schätze sie vor ihrer Haustür haben. Und das sage ich als jemand, der in Frankfurt und Düsseldorf gelebt und gearbeitet hat, Städte, die in gewisser Weise längst nicht das zu bieten haben, was es im Harz alles gibt.

    »Die drei Bundesländer sollten stärker zusammenarbeiten«

    Harz-Beat: Wo würden Sie ansetzen, um das Bewusstsein für den Harz und seinen Bekanntheitsgrad zu verbessern?

    Niedostadek: Nachdem das Buch Mitte März veröffentlicht worden ist, kam jemand zu mir und hob einen Aspekt hervor, den ich so noch gar nicht gesehen hatte: Die Glücksorte sind ja über den ganzen Harz verteilt und deshalb – so sagte er – kann das Buch dazu beitragen, dass die drei Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, zu denen der Harz gehört, näher zusammenrücken. Wenn das Buch den Effekt haben würde, bei den verantwortlichen Stellen, Ideen für eine stärkere Zusammenarbeit zu entwickeln und Potentiale zu erkennen, würde mich das überaus freuen.

    »Soziale Medien sind ein wichtiger Baustein«

    Harz-Beat: Sie nutzen die Sozialen Medien zum Teil sehr intensiv, haben zum Beispiel über 5000 Follower bei Twitter. Machen die Harzorte in den Sozialen Medien hinreichend auf sich aufmerksam?

    Niedostadek: Die Sozialen Medien sind auf jeden Fall ein wichtiger Baustein. Es kommt auf die Zielgruppe an, die man erreichen möchte, Twitter hat eine andere als Facebook oder Instagram. Aber es sind nun mal »Soziale Medien«, das heißt, man muss in irgendeiner Weise mit der Zielgruppe in Austausch kommen.

    Text, Bilder und Gestaltung: Michael Hotop und Jochen Hotop

  • Frühling im Tal, Neuschnee auf dem Brocken

    Frühling im Tal, Neuschnee auf dem Brocken

    Auf dem Weg von Bad Harzburg zum Torfhaus erwartete den Wanderer am 4. Mai dieser reizvolle Kontrast. Während am Marienteich der Frühling Einzug hielt, war auf dem Brocken im Harz Neuschnee gefallen.

    Die beiden Standorte von denen die Bilder gemacht wurden, lagen nur wenige Schritte voneinander entfernt. Für das Bild vom Brocken hat der Fotograf Heinz-Helmut Heidenbluth allerdings mit Teleobjektiv gearbeitet.

    Der Weg von Bad Harzburg (Parkplatz Taternbruch) zum Marienteich führt überwiegend leicht bergauf, zunächst durch das Radautal, dann durch das sehr schöne Tal der Baste, in dem immer wieder kleine Wasserfälle auftauchen. Vom Marienteich sind es nur wenige Minuten bis zur Marienteichbaude. Dazu muss man allerdings die vielbefahrene B4 überqueren.

    Der 120 Meter breite und etwa genauso lange Marienteich, der durch einen aufgeschütteten Damm entstanden ist, wird durch den Marienbach gespeist. Er entspringt im südlich gelegenen Hochmoor Marienbruch.

    Text und Gestaltung: Michael und Jochen Hotop